1. Wettfahrt zur Chiemsee-Meisterschaft 2022

„Nur die gewartete Zeit ist die wirklich gelebte Zeit“ (Asiatisches Sprichwort)

Was soll ich über eine Regatta schreiben, bei der nur 10 von 62 Schiffen überhaupt die Ziellinie erreichten?
Ich fange mal mit den bekannten Klischees an:
– Am Chiemsee gibt es entweder zu wenig Wind oder zu viel Wind
– Die Impression gewinnt immer
– Irgendjemand protestiert immer
– Die Grillabende des YCU sind immer besonders gelungen
Damit ist eigentlich schon alles gesagt.
Aber gibt es da wirklich nicht mehr zu berichten? Selbstverständlich!

Nach tagelangem Regen setzte sich an diesem Wochenende ein Hochdruckgebiet von Westen kommend durch. Erfahrene Chiemsee-Segler und -Seglerinnen wissen: Das bedeutet kaltes Wasser, Sonne pur und damit vor allem thermische Winde. Passend dazu war die übereinstimmende Windvorhersage der relevanten Dienste: Schwachwind mit ca. 4 kn aus NNO. Genau mit diesem „Wind“ schickte Wettfahrtleiter Andreas Bodler (SCPC), unterstützt von Julius Bodler, die teilnehmenden Schiffe pünktlich um 11:00 Uhr in die Wettfahrt links herum um die Inseln.
Der Kurs war heuer deutlich kürzer als wir es von früheren Chiemsee Runds kennen: Start vor dem VSaC –St. Nikolaus – Schalchen – Osternach. Und eine Bahnverkürzung mit Vorverlegung der Ziellinie zur Bahnmarke 2 (Schalchen) war natürlich auch vorgesehen. Falls der Wind völlig schwächeln sollte. Dazu später mehr.
Die Fotos vom Start und der ersten Viertelstunde der Wettfahrt zeigen die Unterschiede bei der Taktik zwischen den Siegern und dem übrigen Feld deutlich auf. Die Impression und die cool running segeln mit dem Groß auf Backbord auf die Startlinie zu, was ihnen einen taktischen Vorteil garantiert. Anders als die cool running rundet die Impression mit einer perfekten Halse auf den Kurs ein, um 11:00:11 Uhr überquert sie als 3. Schiff die Startlinie. (Die beiden noch früher gestarteten Schiffe haben die abgelegene Lee-Seite gewählt und sind damit klar im Nachteil.) Die Kats starten konservativ mit dem Feld, überholen aber schon nach ca. 10 Minuten die Impression. Diese wählt aber jetzt den direkten Kurs auf die Herreninsel.
Was normalerweise keine gute Idee ist, legt hier aber den 2. Grundstein zum späteren Sieg. Die Thermik erzeugt hier dicht am Ufer einen Windstrich, den die Impression ab 11:14 Uhr nutzt, um sich weiter vom Feld abzusetzen. Auf den Fotos ist anhand der Segelstellung deutlich zu sehen, dass hier ein auflandiger Wind herrscht. Es dauert eine weitere Viertelstunde, bis andere Teilnehmer/-innen diesem Weg folgen. Und dann entwickelt sich hier eine echte Regatta-Atmosphäre, indem die Schiffe Ancaluna, cool running, Samaouiu und Einstein die Wettfahrtregeln auf engstem Raum üben, während andere, kleinere Schiffe mit weniger Tiefgang in aller Ruhe weiter am Ufer entlang segeln.
Kurz nach halb zwölf hat ein Drittel der Schiffe die Südwestspitze der Herreninsel umrundet. Der Wind weht jetzt kräftiger, dreht dabei zunehmend. Dem Wettfahrtleiter wird gemeldet, dass die Fahrt in Richtung Feldwies/St. Nikolaus (Bahnmarke 1) jetzt mit ca. 2 Bft. Südostwind angetrieben wird. Das sieht gut aus (auch auf den Fotos) und es hört sich vielversprechend an. Genau genommen ist es so wie gewohnt. Und wie gewohnt schläft das bisschen Wind kurz darauf ganz ein.
Und wie gewohnt haben die Kats und die Libera bis dahin genügend Vorsprung herausgesegelt, dass sie nicht wie viele andere Schiffe dauerhaft hinter der Herreninsel einparken. Die späteren Gespräche beim Grillabend sind geeignet, einem Segel-Neuling (gn) glauben zu machen, dass das Gefühl des völligen Kontrollverlusts (das Schiff dreht unkontrolliert einen Kringel nach dem anderen auf der Stelle) schlimmer ist als Mast- und Schotbruch. Tatsächlich dürfte es aber der Frust derjenigen gewesen sein, die bis 17:00 Uhr nicht einmal die Bahnmarke 1 erreichten.
Zurück zum Wettfahrt-Verlauf: Die Zeitnahme an Bahnmarke 1 gestaltet sich schwierig, da die schlaff herunterhängenden Spis/Gennacker die Bootsnummern verdecken. Die Sicherungsboote melden derweil, dass die Spitzengruppe langsam, aber unaufhaltsam in Richtung Bahnmarke 2 (Schalchen) vorankommt. Ich liege zu dieser Zeit mit meinem Sicherungsboot längsseits zum Startschiff im Kanal, bereit zum Legen der Bahnmarke 3, und ích kann die Diskussionen der Wettfahrtleitung verfolgen: Bahnmarke 3 legen oder nicht? Oder doch stattdessen Bahnverkürzung? Nachdem sich die Windstille hinter der Herreninsel hartnäckig hält, fällt die Entscheidung: Bahnverkürzung!
Wir brechen zusammen mit dem Startboot auf in Richtung Bahnmarke 2, um dort die Ziellinie zu legen. Während wir noch unterwegs sind, hören wir im Funk: der erste Kat hat die Bahnmarke 2 gerundet. Nanu? Wie ist das möglich? Das wirft unsere Planung über den Haufen. Statt Plan B ist nun ein Plan C gefragt. Den haben wir besprochen: Eine neue Ziellinie in Rekordzeit legen, wenn wir auf den führenden Kat treffen. Genau das machen wir um ca. 13:43 Uhr.
Nach unglaublichen 2:43:35 geht der Foil Flyer mit Robert Egner über die Ziellinie. Wir haben keine Ahnung, wie er das bei diesem Schwachwind geschafft hat. Dieses Sportgerät ist jedenfalls ein Hammer und Robert Egner gehört natürlich zu den absoluten Favoriten. Und es dauert immerhin eine halbe Stunde, bis die nächsten 3 Rennziegen in einem Zeitfenster von nur 2 Minuten die Ziellinie erreichen. Wegen der Yardstickzahl 72 ist Robert Egner nach berechneter Zeit letztlich gewerteter Zweiter nach der Impression.
Nach den 5 Schnellsten dauert es weitere 1 ½ Stunden, bis die schnellsten Yachten zur Ziellinie kommen. Über 5 Stunden nach dem Start der Chiemsee Rund kommt es jetzt zur spannendsten Phase: wer wird es bis 17:00 Uhr noch über die Ziellinie schaffen? Wir sehen die Schiffe auf uns zukommen und fiebern mit. Können sie die Fahrt über den letzten Windstrich hinaus halten? Um 16:53:01 Uhr schafft es der A-Kat mit Andreas Rossteuscher als 10. und letztes Schiff. Nur 5 Minuten vorher schafft es die Esse 850 der Mutards mit Jochen Grauer am Rohr als einziges Schiff des YCU.
Währenddessen warten einige Teilnehmer noch immer vor der Bahnmarke 1 auf Wind. Ich verweise zum Trost auf das Sprichwort in der Einleitung. Längst ist übrigens unser Schlauchboot zum Versorgungsboot geworden, das Getränke und belegte Semmeln verteilt. Seit dem Zieldurchgang des Foil Flyers arbeitet die Wettfahrtleitung an einer Lösung, wie die Zeitnahme an der Bahnmarke 2 in eine Wertung überführt werden kann. Wir nutzen das professionelle Software-System manage2sail.com zur Organisation, Auswertung und Veröffentlichung. Es gibt hier tatsächlich mehrere Möglichkeiten, eine zusätzliche Bojenwertung vorzunehmen. In diesem Fall wäre die Option „fleet race“ geeignet. Leider stellt sich nach der ganzen Arbeit heraus, dass eine zusätzliche Bojenwertung an der Bahnmarke 2 aus verschiedenen Gründen nicht zur Wertung für die Chiemsee-Meisterschaft genutzt werden kann. Außerdem steht ein – letztlich erfolgloser – Protest wegen der gegenüber der Ausschreibung geänderten Ziel-Legung dem entgegen. Daher gibt es später nur die Ziel-Wertung.
Apropos Protest: Gemäß Klischee Nr. 3 geht auch diese Chiemsee Rund nicht ohne Protest zu Ende. Es dauert über 3 Stunden, bis die Verhandlungen beendet sind. Keinem Protest wird dabei stattgegeben. Leider verlieren manche Teilnehmer und Wettfahrt-Gewinner in dieser Zeit die Geduld und verlassen die Veranstaltung vor der Siegerehrung, die erst um 21:30 beginnen kann. Für alle anderen gilt das Sprichwort in der Einleitung. Hier konkret: Wer auf die Siegerehrung gewartet hat,
konnte in dieser Zeit lecker essen, sich unterhalten, diskutieren, entspannen, oder im Sinne des Sprichworts gelebte Zeit verbringen.
Apropos diskutieren: wieder einmal gab es die Frage, warum es unbedingt um die Inseln gehen musste. Man hätte ja auch mehrere kurze Wettfahrten im up-and-down-Format durchführen können. Klar, hätte „man“ machen können. Sicher hätte dann jemand protestiert, weil es nicht rund um die Inseln ging. Schließlich ist die Chiemsee Rund traditionell eine Langstrecken-Regatta, die dem Namen nach rund um den Chiemsee geht. Vielleicht ist der kausale Zusammenhang auch genau
umgekehrt. Jedenfalls hätte eine Änderung den Verlust des Charakters dieser Traditions-Regatta zur Folge. Wollen wir das? Jedenfalls ist nicht sicher, ob bei einer Up-and-Down-Regatta mehr Schiffe in die Wertung gekommen wären. Insofern ist die Diskussion müßig. Ohne Protest verläuft der Abend mit der gewohnten Bewirtung. Wie immer sorgen unsere Grillmeister Norbert Greiner (Fleischwaren und vegetarische Grill-Köstlichkeiten) und Martin Schall (Steckerl-Fisch) für das leibliche Wohl in schneller Abfolge. Das erfahrene Land-Team rund um Ilse Schall bietet wie immer ein reichhaltiges Salat-Buffet an, abgerundet durch leckeren Kuchen als Dessert. Herzlichen Dank!
Was mir persönlich als besonderes Highlight des Abends in Erinnerung bleiben wird: das Kennenlernen von Seglern/-innen benachbarter Vereine, mit denen der Abend unglaublichen Spaß gemacht hat. Während des Wartens auf das Ende der Protestverhandlungen haben wir beispielsweise das Wertungs-System weiter entwickelt. Statt des heute in den Ergebnislisten am häufigsten genannten dnf erscheint uns die Alternative dnhf hilfreich. Statt „did not finish“ das
empathischere „did not have fun“. Aber wie schon die Bojenwertung ist auch diese Erweiterung nicht möglich. Trotzdem ist es für uns der Running Gag des Abends. Vielleicht verzeichnen wir in unserer Chronik diese Regatta einmal statt mit der Jahreszahl als „Chiemsee Rund DNHF“.


Tilo Klesper

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